In der Wirtschaftskrise, die durch den 1929er Börsencrash ausgelöst wurde, wurden an manchen Orten erstaunliche Erfolge mit regionalen Zahlungsmitteln erzielt. Das wohl bekannteste Beispiel war das „Wunder von Wörgl“, der Stadt in Tirol, in der der Bürgermeister mit Hilfe eines umlaufgesicherten Regionalgeldes die lokale Wirtschaft erheblich beleben, die Arbeitslosigkeit senken und öffentliche Bauvorhaben bewältigen konnte. Auch heute gibt es bei uns an manchen Orten bereits wieder Regionalgeld, auch wenn diese Versuche nicht immer wirklich tauglich sind.
Um zu verstehen, was Regionalgeld eigentlich bewirken soll und dass es das auch kann, muss man sich klar machen, dass Wirtschaftskrisen wie die derzeitige nichts anderes sind als ein Mangel an umlaufendem Geld: Die Wirtschaftskraft, also Ressourcen wie Arbeitskraft, Maschinen, Rohstoffe, Grund und Boden sind in vollem Umfange vorhanden, es fehlt lediglich am Tauschmittel Geld, welches ermöglicht, dass Waren und Dienstleistungen ausgetauscht werden. Wie das funktioniert, kann man übrigens in meinem Artikel „
Was bitte ist eine Wirtschaftskrise?“ nachlesen.
Der Unterschied zwischen Inflation und Wirtschaftskrise
Ein einfaches und wirksames Mittel gegen die Wirtschaftskrise wäre, wenn der Staat die Notenpressen in Gang setzen, einen Haufen Geld drucken und auf irgendeine Art und Weise unter die Leute bringen würde. Das hört sich furchtbar unseriös an, zumal der Stabilitätspakt, der im Zusammenhang mit der Einführung des Euro geschlossen wurde, dies wohl auch unmöglich macht.
Tatsächlich gilt das Anwerfen der Notenpresse schon immer als äußerst unseriöses Mittel, ja geradezu als Kapitulationserklärung eines Staates und wird in etwa angesehen wie der Griff eines Menschen mit Lebensproblemen zu Flasche oder Spritze. Das bei uns wohl bekannteste Beispiel dafür ist die 1923er Inflation, an die sich einige wenige sogar noch erinnern können, viele aus Erzählungen von Eltern und Großeltern kennen und der Rest aus Geschichtsbüchern und anderen Medien.
Was genau ist aber 1923 passiert? Das ist einfach erklärt: Durch den verlorenen Weltkrieg hatte Deutschland hohe Reparationszahlungen an die Siegermächte zu leisten. Natürlich wurden für das abgeführte Geld von den Empfängern Waren gekauft, so dass letztendlich nicht Geld, sondern Güter abflossen. Güter, die in Deutschland aufgrund von Kriegsschäden sowieso knapp waren. Dass der Staat nun versuchte, mit zusätzlich gedrucktem Geld das durch Reparationszahlungen abfließende zu ersetzen, führte dazu, dass immer mehr Geld im Umlauf war, ohne dass es auch mehr Dinge dafür zu kaufen gab. Und das ist nichts anderes als Inflation.
Beim Börsencrash 1929 passierte jedoch etwas ganz anderes: Es löste sich nach dem in meinem bereits erwähnten Artikel beschriebenen Mechanismus eine Menge Geld schlicht und einfach in Luft auf. Geld, das zwar nur in Form von Guthaben und Forderungen in Büchern existiert hatte, nichtsdestotrotz jedoch durch Kreditvergabe praktisch wie physisches Geld bewegt worden war und damit für Liquidität gesorgt, Waren und Dienstleistungen hatte fließen lassen. Dadurch, dass das Geld als Tauschmittel fehlte, konnte nun auf einmal niemand mehr kaufen und verkaufen, alle Kapazitäten lagen brach.
Und genau das gleiche wie 1929 ist nun wieder passiert: Es sind nach wie vor alle Ressourcen vorhanden, die nötig sind, um uns mit Waren und Dienstleistungen zu versorgen, aber es fehlt das Geld, welches es ermöglicht, dass die Wertschöpfungsketten ablaufen, produziert und konsumiert werden kann. Wohlgemerkt: Das fehlende Geld benötigen wir nicht, um irgendetwas von außen zukaufen zu können, sondern lediglich, um die Dinge, die wir bereits haben, untereinander austauschen zu können – also um Wirtschaft passieren zu lassen.
Wie man eine Wirtschaftskrise behebt
Die Lösung des Problems „Wirtschaftskrise“ ist also im Grunde watscheneinfach. Man muss lediglich Geld unter die Leute bringen. Ein bestimmter Geldbetrag, den man jemandem in die Hand gibt, der ihn ausgibt, wird von dem, der ihn eingenommen hat, wieder ausgegeben, vom nächsten wieder und so weiter. Er setzt dadurch eine Wertschöpfungskette in Gang, bewirkt, dass produziert und Dienstleistungen erbracht werden, also neue, reale Werte entstehen. Das ist das Paradoxe am Geld: es ist selbst nichts wert, kann aber, wenn es fließt, bewirken, dass Ärmel aufgekrempelt, Schaufeln in die Hand genommen, Land beackert, Drehbänke eingeschaltet – kurz: Sachwerte geschaffen werden.
Die Wirtschaftskrise von 1929 wurde schlussendlich auf genau diese Weise behoben. Sowohl Hitlers Rüstung und Autobahnbau als auch der New Deal in den USA brachten ganz einfach Staatsknete unter die Leute, die damit Waren nachfragten und die Wertschöpfungsketten wieder in Gang setzten. Wohlgemerkt: wären die Ressourcen nicht da gewesen, hätten beide Programme nicht funktioniert. Dann nämlich hätten die Leute zwar gearbeitet, für das verdiente Geld jedoch nichts kaufen können und das ganze hätte lediglich eine Inflation bewirkt.
Übrigens hätte der Staat in beiden Fällen das Geld finanztechnisch zunächst auf kurze Sicht auch ohne Gegenleistung unter die Leute bringen können um den gleichen Effekt zu erzielen, was ihm Falle von Hitlers Rüstung wohl auch tatsächlich sinnvoller gewesen wäre. Die Infrastrukturmaßnahmen des New Deal waren jedoch auf lange Sicht natürlich sinnvoller als ein Verteilen von Geld ohne Gegenleistung, da sie darauf abzielten die Bedingungen für die Wirtschaft und damit den allgemeinen Wohlstand zu verbessern.
Beim
Wunder von Wörgl passierte im Grunde nichts anderes. Auch hier brachte der Bürgermeister Geld unter die Leute und setzte damit brachliegende Ressourcen in Bewegung. Der Unterschied dabei bestand darin, dass die Staatsknete von Hitler und Roosevelt herkömmliches Geld war, das auf lange Sicht immer wieder bei Finanzunternehmen landet, der Wörgler Schilling jedoch etwas ganz anderes.
Die Wirkung von „alternativem“ Geld
Der Wörgler Schilling, wie man die Arbeitswertscheine der Gemeinde Wörgl auch nannte, war ein so genanntes umlaufgesichertes Geld. Er verlor langsam aber sicher an Wert, was dadurch bewirkt wurde, dass die Noten alle vier Monate ihre Gültigkeit verloren und dann mit einer Wertmarke im Wert von einem Prozent des Nennwertes wieder gültig gemacht werden musste.
Dadurch wurde es sinnvoll, eingenommenes Geld schnell wieder auszugeben und damit den Fluss von Waren und Dienstleistungen – also nichts anderes als die Wirtschaft – in Gang zu halten. Geld anzuhäufen hingegen brachte einem den Nachteil, dass der ganze schöne Reichtum langsam aber sicher dahin schmolz. Hätte dieses Beispiel Schule gemacht – was es ansatzweise auch tat, denn aufgrund des Erfolges des Wörgler Schillings wollten viele Gemeinden eigenes, umlaufgesichertes Geld einführen – wäre das ein herber Schlag für alle gewesen, die vom Aufhäufen und Verleihen von Geld leben. Genau aus diesem Grunde wurde diese Idee auch im Keim erstickt, das Wörgler Geld verboten und das Verbot mit der Androhung militärischer Gewalt durchgesetzt.
Eine weitere Wirkung von regionalem Geld ist, dass es Kaufkraft in der Region hält. Da es nur regional gültig ist, kann man damit nur Dinge aus der Region kaufen, derjenige, bei dem man kauft ebenfalls und so weiter, bis ein ausgegebener Taler, Gulden oder wie immer die Regionalwährung heißt, vom ersten Besitzer erneut verdient und gleich wieder auf eine neue Rundreise durch die Region geschickt wird. Diese Rundreisen sind sehr kurz, das Geld läuft schneller um und verbessert damit zusätzlich auch noch ein wenig den Güteraustausch.
Kleinräumiges Wirtschaften bringt Vorteile
Großräumig oder gar weltweit gültiges Geld (und der Euro ist das in der Praxis) wird oft für Dinge ausgegeben, die nicht aus der Region stammen. Dadurch ist es erst einmal weg und kann dann in der Region nicht mehr für den Fluss von Waren und Dienstleistungen sorgen. Damit es wieder zurück kommt und das tut, braucht es Glück. Das Glück nämlich, etwas herzustellen zu können, was auch außerhalb der Region gefragt ist und das man nach auswärts verkaufen kann. Abgesehen davon, dass dadurch in vielen Fällen unnötiger Aufwand für und Umweltbelastung durch Transporte entsteht, ist man zum einen dem internationalen Konkurrenzdruck ausgesetzt und zum anderen verdienen unproduktive Zwischenhändler und natürlich auch wieder Finanziers mit, die alle das Verhältnis der aufgewendeten Arbeit zum damit erworbenen Nutzen verschlechtern.
Dies ist aber nun noch der günstigere Fall, der ungünstigere besteht darin, das man in der Region nicht wirklich etwas herstellen kann, was auch außerhalb gefragt ist. Dann fließen die Euros für den Konsum ab und können nicht durch den Verkauf von produzierten Waren ersetzt werden. Die Menschen in einer solchen Region hängen dann am Tropf des Staates indem sie Hartz IV beziehen. Ihre Arbeitskraft und ihre Ressourcen liegen brach, weil das in die Region fließende Geld sofort wieder für (scheinbar) billigere Konsumgüter von auswärts ausgegeben wird, anstatt dass es in der Region zirkuliert und die regionalen Wirtschaftskreisläufe in Gang hält.
Bekommt nun jemand in einer solchen Region regionales Geld in die Hand, kann er es nicht nach auswärts ausgeben, sondern kauft damit regional ein, auch wenn das regionale Produkt (scheinbar) etwas teurer ist als das von auswärts herbei gekarrte aus dem Supermarkt. Die Folge davon ist, dass regionale Anbieter, deren Waren in Euro nicht konkurrenzfähig sind, diese jedoch gegen regionales Geld verkaufen können – welche sie dann selbst wiederum für Produkte aus der Region ausgeben können und damit die regionalen Wirtschaftskreisläufe in Gang halten, die dafür sorgen, dass die Menschen selbst produzieren können und nicht ihre Güter für Hartz IV von auswärts kaufen müssen.