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  • : Blog von Volker Wollny
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  • Publizist und Freier Dozent, von Hause aus Ingenieur sowie gelernter Mechaniker und gelernter Maurer, Querdenker, Naturfreund und -nutzer, technisch interessiert aber auch technikkritisch, glaube nicht alles was mir erzählt wird.
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Andreas Quiring  

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Biohof-Gemeinschaft Baum des Lebens

3. Juni 2009 3 03 /06 /Juni /2009 09:40

Heute gibt es mal wieder eine Jagdgeschichte. Es ist zwar eine erfundene Handlung, aber eine Nachsuche läuft in der Tat etwa so ab, wie ich es beschreiben habe. Insofern ist die Story also nicht nur unterhaltsam, sondern auch informativ.

Ein später Anruf 

„Bergmann...“

Manfred lehnte sich zurück und grinste. Er dachte sich schon, was jetzt kommen würde. Es gab nicht viele Gründe, ihn um Dreiviertel Zwölf in der Nacht anzurufen: Er war weder Arzt noch Pfarrer – aber Jagdpächter. „Manfred?“

„Ja...“ „Sven hier.. Hmmmm.... äh....“

„Lass mich raten: Du hast auf eine Sau geschossen?“

„Ja, äh....“

„Lass mich weiter raten: Sie ist mit der Kugel abgegangen?“

Pause. Dann: „Äh... Hmmmm... ja, genau. Mit der Kugel abgegangen... ist sie. Woher weißt Du das schon wieder?“

  Manfred lachte gutmütig: „Es gibt nicht viele Gründe, mich um diese Zeit anzurufen. Nachdem ich weiß, dass Du heute auf Sauen draußen hockst und nicht gerade begeistert klingst, gab es nicht kaum etwas anderes, wegen dem Du mich hättest anrufen können.“

„Schöner Scheiß....“

„Naja, jetzt beruhige Dich mal. Du bist nicht der erste, dem mal ein Schlumpschuss passiert und Du wirst auch ganz gewiss nicht der letzte sein.“

Familienleben bei Familie Sau

Manfred Bergmann grinste innerlich von einem Ohr zum anderen. Sven Hemmler, der niemals fehlschoss, seines Zeichens Jungjäger – im „Zivilberuf“ Werkzeugmachermeister, daher Präzisionsmensch und Perfektionist. Selten einmal landeten seine Kugeln auf dem Schießstand außerhalb der Zehn. Aber Schießen im Revier ist eben anders als auf dem Schießstand.

  Nicht dass Sven im Revier grundsätzlich daneben schoss: Bislang hatte er saubere Schüsse auf Fuchs, Frischling und schwaches Rehwild abgegeben. Auch konnten sich seine Trefferprozente bei der Jagd mit der Schrotflinte durchaus sehen lassen Sven war daher schon dabei gewesen, ein wenig hochmütig zu werden. Jetzt hatte ihn offensichtlich doch einmal das Jagdfieber gepackt, geschüttelt und ihm seine Grenzen gezeigt. Deswegen war Manfred in gewisser Weise auch erleichtert – er wollte gute, waidgerechte Jäger in seinem Revier, aber keine lebenden Denkmäler.

„Was für ein Stück war es denn?“

„Eine Überläuferbache, die zweitgrößte aus der Rotte.“

„Wie meinst Du, bist Du abgekommen?“

„Naja, sie stand gut und ich hab gewartet, bis sie mir Gelegenheit gab, einen sauberen Blattschuss anzutragen. Aber offensichtlich ist das ja wohl vorbeigelungen...“

Manfred wusste, dass Sven „durchs Feuer sehen“ konnte, also das Zielauge auch offen ließ, wenn der Schuss brach. Sven konnte wirklich gut schießen, er hatte keine Angst vor der Büchse, muckte nicht. Aber bei starker Dämmerung und im Dunkeln sieht man beim Schuss auch mit offenen Augen nichts, da der Feuerball an der Mündung alles überstrahlt, was in dem Sekundenbruchteil nach dem die Kugel aus dem Lauf ist zu sehen wäre.

„Hat sie geklagt?“

„Nein.“

„Hm, dann hast Du sie entweder noch in der Kammer erwischt oder weich. Bei einem Knochentreffer, einem Leber- oder Nierenschuss hätte sie geklagt. „Am Anschuss warst Du nicht?“

„Nein natürlich nicht. Ich weiß doch ganz genau, dass es an der Kirrung war. Da brauche ich doch nicht im Dunkeln die Pirschzeichen zu vertrampeln.“

„Sehr schön. Du hast was gedacht bei der Arbeit.“

Sven atmete hörbar auf. „Was machen wir den jetzt?“

„Ganz einfach: Wir suchen die Sau morgen früh nach.“

„Ja, natürlich...“

„Ich läute den Werner an, Revierförster Seidel, und mache mit ihm einen Termin für morgen früh aus. Anschließend rufe ich Dich zurück und sage Dir wann und wo wir uns treffen“

Schwarzwildschaden im Mais

Manfred war sich zwar ziemlich sicher, dass Frieda, seine bewährte Deutsch Drahthaarhündin, die Sau auch finden würde. Aber zum einen hatte sie diese Woche bereits zwei Nachsuchen geleistet, beide nicht ganz einfach. Nachsuchen auf der roten Fährte sind sehr anstrengend für einen Hund, da hatte sich die gute, alte Frieda mal ein wenig Ruhe verdient.

Außerdem war es für Manfred Ehrensache, seinen Jungjägern möglichst viel zu zeigen und beizubringen. Dies war eine schöne Gelegenheit, einmal zu sehen, wie ein Nachsuchen-Profi mit einem echten Schweißhund arbeitet. Werner hatte auch darum gebeten, ihn hin und wieder zu berücksichtigen, wenn eine Nachsuche anstand. In seinem Forstrevier hatte Selma, die bayrische Gebirgsschweißhündin, derzeit nicht allzuviel Arbeit: Der Förster hatte sich eine Gruppe von gut schießenden Mitjägern herangezogen, so dass relativ selten einmal etwas danebenging.

Manfred ging Richtung Küche um sich ein Bier zu holen. Sein Frau Gudrun streckte den Kopf aus der Schlafzimmertür.

„Wer war denn das so spät noch?“

„Sven, er hat eine Sau angeflickt.“

Manfred kniff Gudrun in die Backe und drückte ihr einen Kuss auf.

„Knackig siehst Du übrigens aus in dem kurzen Hemdchen....“

Gudrun tat verlegen: „Ach, dass sagst Du doch bloß wieder weil... Naja, Du musst da doch sicher wieder früh raus, diese angebleite Sau nachsuchen?“

Gudrun grinste jetzt spitzbübisch und Manfred fiel plötzlich auf, dass er eigentlich gar keine Lust mehr auf ein Bier hatte.

„Oh, ja! Schrecklich früh! Und deswegen muss ich jetzt auch furchtbar schnell zu Dir in´s Bettchen... Ich ruf nur noch kurz den Werner an, der soll nämlich mit seiner Selma morgen nachsuchen; Frieda hat dieses Woche schon genug geleistet.“

Gudrun verschwand kichernd im Schlafzimmer während Werner fix – oder besser gesagt: in verdächtiger Eile - noch einmal zum Telefon ging und ein bemerkenswert kurzes Gespräch mit seinem Freund Werner Seidel, dem Revierförster führte, mit dem er sonst bekannterweise stundenlang quatschen konnte und ein noch kürzeres mit Sven, dem er nur knapp mitteilte, wann und wo man sich am nächsten Morgen treffen wollte.

Am anderen Morgen

Natürlich musste Manfred nicht sooo früh aus den Federn, wie er offensichtlich hinein gemusst hatte. Das Jahr war bereits soweit fortgeschritten, dass es nicht mehr schon mitten in der Nacht hell wurde und vor Tag sucht man keine Sau nach. Besser sei es sogar – so sagen zumindest manche - wenn man wartet, bis die Sonne den Tau getrocknet hat.

Daher war es bereits schon eine Weile heller Tag, als Manfred in seinem alten Mercedes G ins Revier gerattert kam. Die Sonne verjagte die Frühnebel und verhieß einen jener goldenen Oktobertage, die er schon in seiner Kindheit geliebt hatte.

Ein aufgedockter Schweißriemen

Wenn der Wald bei uns auch nicht buchstäblich flammt wie in Kanada, da das Laub der bei uns herrschenden Buchen sich lediglich braun und nicht in allerhand Rot- und Gelbtönen färbt, gibt es in unserem Herbst auch viele Farbtupfer: Das Gelb der Birken und des Ahorns, einige Spritzer Rot, das Grün der Eschen. Und wenn die Sonne scheint, bekommen selbst die Buchen einen goldenen Schimmer, auch wenn ihr Laub im grauen Licht nebliger Herbsttage nur ein langweiliges, tristes Braun zeigt.

Sven stand am vereinbarten Treffpunkt neben seinem wie immer auf Hochglanz gewienerten Suzuki Samurai. Obwohl er sich alle Mühe gab, die gleichmütige Miene eines alten Waidmannes sehen zu lassen, fiel Werner auf, dass er ziemlich nervös war: Er trat nämlich unbehaglich von einem Fuß auf den anderen.

„Na, Du Held, dann wollen wir also gleich mal beibügeln, was Du heute Nacht versiebt hast.“

Als Sven schuldbewußt zusammenknickte, haute ihm Werner jovial auf Schulter: „Na komm, lass die Flügel mal nicht so hängen! Wer den Schaden hat, spottet bekanntlich jeder Beschreibung – äh, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Ich hab Dir doch schon heute Nacht am Telefon gesagt, dass so etwas jedem passieren kann... Ach, schau mal, da kommt ja schon der Herr Forstrat!“

Ein alter Landrover kam um die Ecke einer Dickung und den Waldweg herauf und hielt bei den beiden. Heraus kletterte nicht etwa ein in Ehren ergrauter Förster vom Silberwald, sondern ein recht junger Bursche mit einem blonden Pferdeschwanz und mehreren Ringen im linken Ohrläppchen. Hinten im Landrover tobten eine zierliche Bayrische Gebirgsschweißhündin und ein struppiger Deutscher Jagdterrier, weil sie Frieda gesehen hatten.

„Hopps, raus mit Euch!“ rief der Pferdeschwanz-Förster und öffnete die Hecktür des Lanrovers, während Manfred seine Frieda schnallte. Augenblicklich fingen die drei Hunde an, miteinander über die Waldwiese zu toben.

„Sven, das ist Herr Revierförster Werner Seidel“, sagte Manfred mit einem vielsagenden Grinsen.

„Lass doch endlich mal den Revierförster in Ruhe“, lachte Seidel, boxte Manfred kräftig gegen den Oberarm und streckte dann Sven die Hand hin. „Unter Waidgenossen bin ich der Werner!“

„Freut mich, ich bin der Sven!“ Seine Laune besserte sich bereits, als er die Hand des Försters schüttelte.

  „Erst lassen wir die Hunde sich mal auslaufen. Besser als die das selbst erledigen, können wir sie auch nicht bewegen. Derweil können wir schon mal darüber reden, was uns auf der Fährte erwartet. Hast Du den Anschuss bereits gefunden und verbrochen?“

„Ja und Nein. Es war an der Kirrung, daher bin ich gar nicht erst dort rumgetrampelt und ein Bruch war auch nicht erforderlich.“

„Das ist schon mal gut! Was war es denn für ein Stück?“

„Die größte aus der Rotte nach der Leitbache.“

„Nicht die kleinste? Ah ja, verstehe: Manfred setzt auf Reduktion. Das sollten wir auch tun. Die bei uns angrenzenden Feldjagdpächter und die Bauern sind schon ganz schön stinkig wegen des Wildschadens, aber mein Chef hängt so an seinem Schwarzwildbestand. Damit die wichtigen Gäste bei den Staatsjagden auch immer schön was vor die Büchse bekommen, meint er.“

Förster und Sauen

In den Forstrevieren ist das Schwarzwild gar nicht so schlecht angesehen: Es hat dort kaum Möglichkeiten, wirtschaftlichen Schaden anzurichten, lockert aber durch sein Brechen nach Mast den Boden auf. Deswegen sind Förster und Waldjagdpächter immer in der Versuchung starke Bestände heranzuhegen um viel Wild für die Jagd zu haben.

Problematisch ist aber dennoch, dass Sauen als Allesfresser auch die Gelege von Bodenbrütern nehmen und dass zu hohe Bestände durch Seuchen gefährdet sind, namentlich durch Schweinepest. Bricht die einmal aus, wird es traurig: Möglichst der gesamte Bestand muss dann abgeschossen werden, wobei man das Wildbret nicht verwerten kann. Das Lebensmittelrecht verbietet die Verwertung von kranken Tieren, daher müssen solche kostspielig und/oder arbeitsaufwendig entsorgt werden.

Der Hund wartet abgelegt, während der Nachsuchenführer den Anschuss untersucht

Richtig problematisch wird es auch, wenn das im Wald herangehegte Schwarzwild in angrenzenden Feldrevieren zu Schaden geht. De facto wird dieser Schaden ja von den Inhabern der Waldreviere erzeugt. Es gibt jedoch keine juristische Handhabe, nach welchem sie direkt haftbar gemacht werden können; allerdings verlangt das Jagdgesetz, dass die Wildbestände keinen übermäßigen Schaden anrichten, ordnungsgemäße Land- und Forstwirtschaft erlauben sowie der sogenannten Landeskultur entsprechen sollen. Verheerte Felder sind jedoch das Gegenteil von Landeskultur und ordnungsgemäßer Landwirtschaft.

Daher ist ein Dialog zwischen Waldjägern, Förstern, Bauern und Feldjägern notwendig geworden und in letzter Zeit auch stellenweise schon in Gang gekommen. Teilweise muss man dabei auch mit liebgewonnenen Gewohnheiten brechen. Schon lange ist es erlaubt, auf Schwarzwild, anders als auf anderes Schalenwild, auch bei Nacht zu schießen. Und auch mit der alten Jägerregel, bei Hegeabschüssen von weiblichem Wild immer das schwächste Stück zu nehmen, wird teilweise gebrochen: Nur wenn man starke Frischlings- und Überläuferbachen schießt, nimmt man die Zuwachsträger aus dem Bestand und bremst damit die Vermehrung.

Werner stellt noch ein paar Fragen mehr zum Hergang des danebengelungenen Abschusses, wobei Manfred Sven hilft, diese zu beantworten, wo das nötig ist. Der Nachsuchenleiter muss genau wissen, was vor sich gegangen ist. Er untersteht sogar einer gewissen Schweigepflicht, hat über Mängel an der Weidgerechtigkeit und kleine Gesetzesverstöße hinwegzusehen.

Dies ist weise eingerichtet, denn wer wird einen revierfremden Nachsuchenführer hinzuziehen, wenn er rechnen muss, dass dieser ihm einen Strick aus den Details der Schussabgabe dreht? Da ließe der Sünder dann das angeflickte Stück lieber elend verenden, als es durch eine kompetente Nachsuche schnell von seinen Leiden – aber gleichzeitig womöglich sich selbst von seinem Jagdschein - zu erlösen.

Es geht los

Mittlerweile haben Werner und Manfred die Hunde wieder zurückgerufen und angeleint. Werner holt sein Handwerkszeug aus dem alten Landrover: Rucksack, Schweißhalsung nebst Schweißriemen, ein Päckchen Watte und einen kurzläufigen russischen Karabiner. Wer wird in Unterholz und Dickungen, beim Marsch über Stock und Stein und gar bei möglichen Stürzen eine wertvolle Jagdwaffe mit hochwertiger Optik in Gefahr bringen? Der kurze Karabiner ist handlich unter beengten Verhältnissen, robust, funktionssicher und in jedem gut sortierten Waffenladen für wenig Geld zu haben.

Gegenüber dem ebenfalls beliebten Revolver hat er noch den Vorteil, dass man sich mit ihm auch notdürftig eine Sau vom Leibe halten kann, wenn aus irgendeinem Grunde nicht geschossen werden kann. Werner setzt sich den Plesshut mit dem Saubart auf, das einzige Teil der offiziellen forstlichen Uniform, dass er trägt. Statt dem Rest der Dienstkleidung trägt er, wie viele „zivile“ Jäger auch, eine Bundeswehrhose, ein grünes T-Shirt und eine Fleece-Jacke. Seine Füße stecken in derben Bergschuhen.

Während sich der Förster noch nach weiteren Einzelheiten erkundigt, gehen die drei mit den angeleinten Hunden die paar Hundert Gänge zum Anschuss. Kurz vorher legt Werner Selma die Schweißhündin und Rudi den Terrier ab. Manfred behält seine Frieda an der Leine und bleibt mit Sven ebenfalls stehen, während Werner zum Anschuss geht.

Dort sieht sich der Förster zunächst um, geht dann hinunter und untersucht den Boden, ab und zu etwas murmelnd. Schließlich steht er auf, haut mit seinem Jagdmesser zwei Brüche von einer nahebei stehenden Jungfichte und legt sie zum Fährtenbruch aus: „Dorthin sollte unser Patient geflüchtet sein – ich bin gespannt, ob Selma auch dieser Ansicht ist.“

Nachdenklich kehrt er zu den anderen zurück. „Wie es aussieht, hast Du Dein Stück weidwund erwischt, ziemlich tief. Schweiß und Schnitthaar weisen darauf hin. Das kann eine eklige Nachsuche werden.“

  Sven guckt schuldbewusst zu Boden. „Na, Kopf hoch! So was kommt halt mal vor. Wenn ich jetzt mit dem Hund der Fährte nachhänge, machst Du etwa alle zehn Meter einen Wattebausch an einen Baumstamm oder etwas ähnliches. Hau Dir mit Deinem Jagdmesser auch Stücker zehn, fünfzehn Brüche, damit wir verbrechen können, wenn Selma uns etwas verweist. Außerdem nimmst Du jetzt Rudi an die Leine und schnallst ihn, wenn ich es Dir sage.“

Rudi ist sozusagen Selmas Bodyguard. Werner hat sich das von einem bekannten norddeutschen Rüdemann abgesehen. Die Nachsuche auf Schwarzwild ist gefährlich und der flinke, aggressive Terrier kann im Notfall ein Stück ablenken, welches den Schweißhund annimmt und dem Hundeführer die Zeit gewinnen, die er benötigt, den Fangschuss anzubringen oder das Stück mit der kalten Waffe abzufangen.

Jetzt geht Werner zu Selma, die ihn schon erwartungsvoll ansieht und mit ihrer Rute auf den Boden klopft. Werner lacht. „Ja, meine Gute, Du weißt schon, dass es Arbeit gibt.“ Der Hund leckt begeistert seine Hand.

„Ja, ja, meine Alte, ich weiß, Du kannst es kaum erwarten – noch einen kleinen Moment Geduld....“

Werner öffnet den aufgedockten Schweißriemen, wirft ihn aus. Dann ersetzt er Selmas normale Halsung durch die Schweißhalsung, führt sie zum Anschuss und legt sie zur Fährte. Selma bewindet zunächst den Anschuss. Stutzt, scheint einen winzigen Moment unschlüssig und beginnt dann in die Richtung zu arbeiten, die Werner verbrochen hat. Der nickt befriedigt und hängt dem Hund am Schweißriemen nach.

Auf der roten Fährte

Wäre Selma in eine andere Richtung gegangen, folgte ihr Werner genauso widerspruchslos wie er das jetzt tut: „Der Hund hat immer recht“, erklärt Manfred seinem Jungjäger, „seine Sinne sind feiner als unsere.“

Los geht es jetzt, über die Windbruchfläche, an deren Rand sich Hochsitz und Kirrung befinden. In einigem Abstand folgen die Jäger dem Hundeführer, der Sven bereits bedeutet hat, Rudi zu schnallen. Lustig tollt der kleine Kerl neben seiner großen Freundin her, wohl wissend, dass diese jetzt eine schwierige Arbeit ausführt und er sie dabei nicht stören darf.

Immer wieder heftet Sven einen kleinen Wattebausch an die Rinde eines Baumstrunks oder eines daliegenden Baumstammes. Falls der Hund die Fährte irgendwo verlieren sollte, kann man ihn so auf dem bereits bekannten Teil wieder ansetzen.

Sauber buchstabiert Selma die Fährte aus, die meiste Zeit scheint sie einem dicken roten Strich auf dem Boden zu folgen, der ihr – aber nur ihr – genau sagt, wo die Sau entlang gezogen ist. Ab und zu scheint sie unschlüssig, windet, schlägt einen Bogen zurück zum bereits gearbeiteten Teil der Fährte um einen neuen Anlauf zu nehmen.

Damit sie die nötige Freiheit für diese Bewegungen hat, ist der Schweißriemen wesentlich länger als eine normale Hundeleine, zehn oder zwölf Meter misst er. Wo die Fährte für sie gut wahrnehmbar ist, stürmt Selma geradezu voran und zerrt mächtig am Riemen. Auf der Schweißfährte darf der Hund das, aus diesem Grunde ist die Schweißhalsung extra breit ausgeführt, so breit, dass sie den Hund nicht würgt.

Ein paar mal verweist Selma Schweiß, den Sven jeweils mit einem der mitgebrachten Brüche verbricht. Jetzt gibt Selma richtig Laut. Ein Wundbett! Am niedergedrückten Bewuchs wird es erkannt. Der Förster untersucht es und findet auch hier etwas Schweiß. Weiter geht es. Längst haben sie den Windbruch hinter sich gelassen und hängen jetzt durch ein lichtes Altholz der Fährte nach.

Immer mal wieder ein Tropfen Schweiß, der von Selma verwiesen und von Sven verbrochen wird. Stellenweise sind die Trittsiegel der Sau sogar zu sehen. Diese Stellen untersucht Werner genauer und kommt zu dem Eindruck, dass die Sau nicht mehr weit sein kann: „Sie schleppt sich nur noch dahin, ich denke mal, dass sie sehr krank ist.“ Jetzt wird das Unterholz dichter. Hat sich die Sau etwa hier irgendwo gesteckt? Nein – offenbar nicht, die Fährte geht weiter.

Das hätte dumm ausgehen können

Jetzt einen kleinen Abhang hinauf und über die Kante aus dem Altholz hinaus in eine der mittlerweile stark bewachsenen Windbruchflächen, die vom Orkan Wiebke aus dem 91er Jahr herrühren. Auf einmal prescht Rudi vor und gibt Standlaut. Da liegt die Sau unter einem Busch!

„Halt, warte!“ ruft Werner, als Sven zu seiner Beute eilt, sich zu ihr beugen will. Doch in diesem Moment wird die Sau hoch, will Sven annehmen. Der prallt entsetzt zurück als das Gebrech der Bache mit der Kraft von Kiefermuskeln zuschnappt, um die sie jeder Rottweiler beneiden würde. Sven strauchelt rückwärts, setzt sich auf den Hintern.

Der Terrier fährt der Sau mit giftigem Hals an den Teller. Mit zwei, drei langen Sprüngen ist Manfred heran, reitet auf der Sau und senkt ihr die kalte Waffe zwischen die Rippen. Einen Moment bleibt er noch auf der Sau sitzen, überzeugt sich, dass sie nun wirklich verendet ist. Dann steht er auf, holt tief Luft, klopft sich Grashalme und Laub ab.

Zu dem immer noch am Boden sitzenden Sven sagt er: „Du bist mir ein schöner Idiot! Und...“, er muss kichern, „genauso siehst Du auch aus!“ Jetzt prustet auch der Förster los, in einem wilden Gelächter der beiden Männer löst sich die Spannung der vergangenen Stunde und die Aufregung der letzten Sekunden dieser Nachsuche.

Sven guckt zuerst betreten und muss dann auch lachen. Manfred hilft ihm auf die Beine und Werner, der als Hundeführer bei der Nachsuche der Jagdleiter ist, holt einen Fichtenbruch und überreicht ihn dem Jungjäger. Der bricht ein Stück davon ab und steckt es Selma an die Halsung.

Nach kurzem Überlegen bricht er ein weiteres für Rudi ab: „Wenn auch die Brauchtumsvorschriften nichts über Brüche für Bodyguards von Schweißhunden aussagen – ich denke mal, er hat ihn sich verdient!“

Während Werner die Hunde abliebelt und mit Leckerchen verwöhnt, befestigt Sven den Rest des Bruches an seinem Hut. Unterdessen hat Manfred aus seinem Rucksack die berühmt-berüchtige Edelstahlflasche mit dem starken Feuerwasser hervorpraktiziert und lässt sie herumgehen. Sie enthält einen rabiaten Slibovitz, denn er von einem jugoslawischen Freund bekommt und von dem man sich erzählt, er würde jedes andere Behältnis als eben Werners Edelstahlflasche gnadenlos zerfressen.

Anschließend holt Sven noch zwei Brüche. Er dreht die Bache auf die rechte Seite, legt ihr den einen Fichtenzweig als Inbesitznahmebruch mit der gewachsenen Spitze nach vorn aufs Herz und klemmt ihr den anderen als letzten Bissen in das Gebrech. Dann nimmt er den Hut ab und setzt sich neben seine Beute.

Strafe muss sein!

„Wenn Du mit Deiner Totenwache fertig bist“, grinst Manfred und wirft ihm den Schlüssel zu, „dann latschst Du zurück und holst mein Auto. Strafe muss schließlich sein.“

Er kneift grinsend das eine Auge zu und wirft sich dann neben dem Förster ins Gras, der sich dort mittlerweile gelagert hat und ein Zigarettchen schmökt. Als Sven mit dem Auto zurück ist, muss er noch die Sau aufbrechen. Eigenhändig, das ist Ehrensache!

Manfred hilft ein wenig, zeigt ihm, wie er die Sau an einen Baum hängt und mit Brüchen gegen die Fliegen verblendet. Werner zaubert aus seinem Rucksack Brot, Speck, Pfefferoni und Wurst hervor –sowie einige Zehen „Jägervanille“, wie man auch scherzhaft zu Knoblauch sagt. In Manfreds Wagen findet sich wunderbarerweise auch eine Kühlbox mit Bier.

Eine Weilchen schmausen die drei Männer noch am Rande des Windbruchs in der goldenen Oktobersonne, blinzeln in die verschwenderische Farbenpracht des Herbsttages, sind einfach glücklich darüber, dass sie auf der Welt und jetzt gerade hier sein dürfen, Waidmannsheil hatten und keine Frauen sie anöden, weil sie einen Haufen Knoblauch gegessen haben. Dann laden Sie ihre Jagdbeute in den Geländewagen und rumpeln gemächlich über die Licht- und Schattenspiele des stillen Waldweges davon.

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